Leseprobe „Feuermal-Die Verschwundenen“

Was guckst du so? Siehst selber komisch aus! Warum hast du einen Knopf im Ohr? Hörst du schlecht oder was? Und deine bunten Klamotten: Biste im Zoo von der Papageien-Stange gehüpft? Erst deine Haare! Ist dein Frisör da unten ausgerastet, weil du kein Geld dabei hattest oder hat deine Mutter beim Haareschneiden das Licht ausgemacht? Kein Wunder, dass dein Käppi auf der Frisur nicht hält…
Aber dein Rollbrett: das würde ich gern mal probieren. Geht das nur bergab?

Du brauchst mich gar nicht so anzustarren, ich bin schließlich verschwunden. Also, schon länger – ein Menschenalter bald. Als ich so alt war wie du, tobte der Zweite Weltkrieg in Europa, den Adolf Hitler angezettelt hatte.
Hier um dich herum prasselten Bomben vom Himmel, die Hamburger saßen in den Luftschutzbunkern oder in betonverstärkten Kellern wie bei euch hier unten im Haus. Und die Schulkinder wurden ‚aufs Land verschickt‘ – jedenfalls die arischen Kinder. Und auch ich war auf einmal weg, und zwar spurlos. Das sagen jedenfalls die Nachbarn. Und weil unsere Familie immer wieder umziehen musste, hatten wir ziemlich viele Nachbarn, die das bezeugen können.

Deshalb bin ich auch gar nicht hier. Wahrscheinlich träumst du nur, dass ich da bin, mit meinem Elbsegler und dem abgewetzten Flanellhemd. Es ist zu kalt für die Jahreszeit, aber außer der kurzen grauen Filzhose und meiner zweireihigen Jacke habe ich nichts anzuziehen. Na gut, meine etwas zu kleinen Lederstiefel und die Wollstrümpfe, an der Oma Flunki in jedem Herbst die Spitzen länger strickt, trage ich im Winter auch.
Ach so, dich stört mein riesiger roter Fleck im Gesicht. Das Feuermal habe ich seit Geburt. In der Schule wurde ich oft damit gehänselt. ‚Feuerfresse‘ und ähnliche Beschimpfungen waren an der Tagesordnung. Du hast es ja schon gesehen, mit 13 Jahren war ich eher ein Dickerchen. Als ich später meine Druckerlehre in Berlin angefangen habe, musste ich viele große Setzkästen mit Bleilettern schleppen und schwere Maschinen bedienen. Und abends haben wir Lehrlinge uns heimlich getroffen und am Spreeufer bei einem alten Profi-Boxer verschiedene Kampfsportarten gelernt. Dabei habe ich ganz schön Muskeln gekriegt. Aber ich kann nicht nur boxen, ich bin auch gut in Jiu Jitsu. Manchmal habe ich die dummen Sprüche über mein Feuermal nicht mehr ausgehalten und dem Lästermaul auch mal die Fresse poliert. Das hat regelmäßig Ärger gegeben, und meistens kriegte ich die Schuld. Einmal bin ich sogar in ‚Schutzhaft‘ genommen worden. Mir hat aber niemand erklärt, wer gegen wen geschützt wurde – jedenfalls war ich da schon mal zwei Wochen verschwunden, sozusagen probeweise…

Mal ehrlich: bist du mit deinem Aussehen rundum zufrieden? Na also – aber so entstellt wie ich, bist du wohl nicht.

Ich bin übrigens Kurt. Was gibt’s da zu grinsen? Dein Name war zu meiner Zeit auch nicht üblich. Heißt man heute Nalle und Lönne und Bo oder so? Also, Kurt. Kurt Asser. Ich sehe schon, wir hätten trotz unserer Unterschiede Freunde werden können.
Da gibt es nur zwei Probleme: Die Zeit und den Ort. Wenn ich bei dir einsteigen müsste, wäre ich ja schon so alt wie dein Urgroßvater. Und du bist für eine Freundschaft mit mir reichlich spät auf diese Welt gekommen. Aber Zeit ist relativ, sage ich Lissy immer.
Und weil ich ja spurlos verschwunden bin, fehlt uns auch ein gemeinsamer Ort – obwohl: dieser verbindet uns schon…
Auch, wenn wir nun noch keine dicken Freunde sind, will ich mal nicht so sein: So hilflos, wie du guckst, hast du keine Peilung von dem, was mir und meiner Familie passiert ist. Wenn ich besser informiert gewesen wäre und mehr Fantasie gehabt hätte, welche perfiden Ideen machtgierige Menschen entwickeln können, hätte ich vielleicht den Hauch einer Chance gehabt, nicht spurlos verschluckt zu werden. Damit du nicht in eine ähnliche Falle tappst, werde ich dir unsere Geschichte erzählen – die Geschichte von Lissy und mir und all den anderen spurlos Verschwundenen.

Ich sehe, wie du jetzt überlegst, ob diese Geschichte wahr oder erstunken und erlogen ist. Wir sind sogar entfernt verwandt: Dein Ururgroßvater Julius war mein Großonkel. Und wenn Julius auch verschwunden wäre, hätte es dich nicht gegeben – gut, das war wieder zu schwierig für dich.
Ich schwöre dir jedenfalls, dass ich aus Fleisch und Blut war – und auch meine Schwester Lissy, unsere Eltern und Großeltern und Oma Flunki, unsere ganze Familie – bis wir alle auf staatliche Anordnung verschleppt wurden, und dass alles, was ich dir berichte, tatsächlich stattgefunden hat.
Wenn du mir nicht glaubst, könntest du mal meinen Bizeps fühlen – aber du bist schon ein echtes Glückskerlchen, denn ich bin ja nicht mehr hier…

Nalle schreckt hoch: Er hört das Quietschen und Ächzen des kleinen Lifts im Erdgeschoss. Der alte Hauseigentümer zwängt sich in die Kabine, zieht das Gitter hinter sich zu und drückt auf den Knopf aufwärts. Surrend wird der Lift durch einen aus schmiedeisernem Rankwerk geformten Zylinder nach oben gezogen, passiert Nalles Etage und hält ruckelnd im 2. Stock. Das Gitter wird aufgeschoben, bei der Entlastung ächzt der kleine Lift erneut. Rosenstein schiebt die Gittertür wieder zu und schlurft zu der großen, ebenfalls vergitterten Milchglastür seines Musikverlags. Nalle hört den Schlüssel im Schloss drehen, kurz darauf fällt die schwere Tür zu. Es ist wieder totenstill im Haus, nur die S-Bahn kreischt in der Ferne bei ihrem Halt im Dammtorbahnhof. Amseln singen im Garten, und die Sonne scheint Nalle ins Gesicht. Verpennt dreht er sich um und zieht die Decke über die Ohren. Aber so sehr er sich bemüht, Nalle findet nicht wieder in den Schlaf. Die ganze Nacht hat ihn dieser Albtraum verfolgt. Kurt behandelt ihn wie einen kleinen Sextaner! Er musste sich das alles anhören und konnte nicht antworten, keinen Laut brachte er über die Lippen.

Heißt man heute Nalle und Lönne und Bo oder so? Was fällt diesem Kurt eigentlich ein? Hat Nalle sich den Scheiß mit diesen Namen ausgedacht? Seine Mutter hatte ihm oft erzählt, dass sie sich einmal in einem glühend heißen Sommer auf Hanö, einer Insel in den südschwedischen Schären, Hals über Kopf in einen lustigen Fischer verknallt hatte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie kennt nur seinen Vornamen Lönne Bo – und seinen Kosenamen Nalle, das schwedische Wort für Teddy. Als sie nach dem Urlaub merkte, dass sie schwanger war, war sie sich sicher, dass sie das Kind unbedingt haben und allein großziehen wollte. Es sollte ein blonder Junge werden, und er sollte heißen wie der Vater: Lönne Bo Nalle.

Rebecca hatte nicht mit dem miesepeterigen Standesbeamten Veit de Vries in Hamburg gerechnet. „So können Sie Ihr Kind nicht nennen: Es muss ja nicht unbedingt einen deutschen Vornamen erhalten, aber man soll das Geschlecht am Namen schon erkennen können! Warum nennen Sie es nicht Eric, Leif oder Knut?“ Seither heißt Lönne Bo zu allem Überfluss auch noch Veit. Seine Mutter nennt ihn aber nur Nalle. Er findet alle seine Vornamen bescheuert und arbeitet seit seinem Wechsel ans Wilhelm-Gymnasium daran, Steve genannt zu werden.

Nalle hat die Gelegenheit am Freitag, den 8. Mai 2015, genutzt, seinen sechzehnten Geburtstag nachzufeiern, als seine Mutter wieder mal auf Dienstreise musste, diesmal zu einer offiziellen Gedenkfeier nach Gdansk, der alten Hansestadt Danzig in Polen. Er hatte eigentlich nur seine Clique eingeladen, aber Kofis Halbschwester durfte nicht kommen, weil ihre Mutter sie noch zu jung für so eine Feier ohne Eltern fand. Nalle hat sich ein wenig verguckt in Judith. Sie ist nicht ganz so dunkelhäutig wie Kofi, aber hat so geschmeidig fließende Bewegungen wie ihre Mutter – und vor allem ihr Strahlen ist unwiderstehlich: Nalle liebt es, sie zum Lachen zu bringen! Außer seinen engen Freunden waren auch noch ein paar andere Schüler aus dem Wilhelm-Gymnasium gekommen, die Wind davon bekommen hatten, dass bei Nalle sturmfreie Bude war.
Die Party war schon nach kurzer Zeit aus dem Ruder gelaufen. Houchang hat es gut, der säuft ja nicht und hat sich trotzdem amüsiert. Aber als Nalle wieder bei der etwas spröden Caro abgeblitzt war, die eigentlich eher als guter Kumpel taugt, hatte er ziemlich zügig zwei Bier reingeschüttet. Und als ihm dann noch jemand – war es Danny oder der arrogante Phil, der nun in Judiths Klasse rumhängt, obwohl er auch bald sechzehn wird und den er sowieso zum Kotzen findet? – auch noch ein paar winzige Fläschchen mit bunten Schnäpsen eingeholfen hatte, war Nalle stramm.

Wie genau es zu Ende gegangen war, erinnert er nicht mehr. Jedenfalls hatte irgendwann der alte Rosenstein an die Wohnungstür gehämmert und mit der Polizei gedroht. Das war eigentlich überflüssig, denn die stand sowieso schon den ganzen Abend vor dem Haus, um die kleine Gruppe mit Friedenstauben und Davidsternen auf ihren Plakaten abzuschirmen, die sich dort als Mahnwache versammelt hatte. Ab und zu riefen die Demonstranten: „Nie wieder Krieg!“, „Nazis raus!“, „Asyl ist Menschenrecht!“ und „Abschiebung ist Mord!“ und anderes. In der Dämmerung entzündeten sie Kerzen und Grablichter.

Nalle war im Bett Karussell gefahren, bis er alles vollgereihert hatte. Dann war erst mal wattige Ruhe eingekehrt. Am Samstagmittag wachte er von dem Gestank um sich herum auf. Am liebsten hätte er gleich wieder gekotzt. Ein Glück, dass Rebecca in Danzig war! Nalle konzentrierte sich darauf, das Bettzeug möglichst so abzuziehen, dass nichts auf die Matratze oder den Teppich kleckerte. Dann packte er alles in einen blauen Sack und öffnete vorsichtig die Haustür. Er schlich die uralte spindelige Eichentreppe, die mit fächerförmigen Bohlen in den Keller führte, hinunter, öffnete die eiserne Kellertür mit ihren beiden Drehhebeln und stieg über den Süll in die fensterlose ehemalige Druckerei. Dort standen die Waschmaschine und der Trockner der Hausgemeinschaft neben all den alten Notendruckmaschinen des Musikverlags. Außer dem Frisör im Erdgeschoss und gelegentlich den Sekretärinnen des Notars nutzte nur Rebecca die Maschinen. Wo der alte Rosenstein mit seiner Wäsche blieb, war Nalle egal.
Er füllte die Wäsche in die Maschine, gab ordentlich Waschpulver hinein, aktivierte den Alarm und startete das Kurzprogramm. Das würde ja wohl nicht lange dauern, hatte er angenommen, die Viertelstunde könnte er abwarten!
Während es in der Maschine heftig schäumte, die Trommel sich mal links, mal rechts herum wälzte und die Wäsche träge hinund herwarf, trommelte Nalle ungeduldig mit den Fingern auf der Waschmaschine herum: „Mach schon zu, du blöde Kiste: Kurz ist kurz, verdammt noch mal!“
Aber das Programm ließ sich nicht beschleunigen, und die Tür aufmachen wollte dieser idiotische Vollautomat auch nicht mehr! Nalle sah sich in dem niedrigen Keller um. Die Wände waren aus Feldsteinen gemauert und meterdick. Rebecca hatte erzählt, dass die Jugendstilvilla auf dem Fundament eines sefardischen Palazzo errichtet worden war. Während der Inquisition in Spanien und Portugal waren zu Kolumbus‘ Zeiten viele reiche Juden nach Hamburg 31 geflohen. In der Hansestadt hatten sie bald große Häuser gebaut und von hier aus ihren Überseehandel fortgesetzt. Allein die Treppe mit dem schwarzen Eichenpfahl stammt noch aus dem sechzehnten Jahrhundert.
War ja klar, dass die Druckmaschinen nach dem Umbau des Kellers zum Luftschutzraum mit Türschleuse nicht mehr rausgeschmissen werden konnten. Sie waren völlig überflüssig, seit die Druckvorlagen im Laserverfahren hergestellt oder noch einfacher die Partituren im Desktop Publishing direkt gesetzt und ausgedruckt werden konnten.
Jedenfalls steht dieses Industriemuseum hier unten nutzlos herum. Während Nalle auf die letzten Spülungen seiner Wäsche wartete, um sie gleich in den Trockner zu verfrachten, inspizierte er gefühlt zum hundertsten Mal alle Schränke und Fächer der Druckerei. Irgendwie fiel ihm auf, dass das Emailleschild, das an der Wand fern von jeder Kundschaft für Bechstein-Klaviere warb, etwas vorbeulte. Er zupfte leicht an einer Ecke des Bleches, das prompt mit Geschepper von der Wand fiel. Nalle staunte nicht schlecht, als er in dem kleinen Erker hinter dem Schild einen staubigen Lederkoffer entdeckte. Im Stillen hoffte er auf einen großen Schatz, als er ihn vorsichtig öffnete. Das rechte Schnappschloss sprang sofort auf, das linke klemmte ziemlich stark. Nach einigem kräftigen Geruckel gab es endlich auch nach.
Aber er fand nur alte Wollstrümpfe, eine abgeschabte zweireihige Jacke mit einem großen gelben Stern auf der linken Brust – Kleidung, die ihm zu klein wäre. Außerdem etwas Unterwäsche, ein paar mürbe Bücher und mehrere schmale Packen Formulare. Noch tiefer lagen einige leere Reisepässe, verschiedene runde Stempel mit Adlern, die jeweils ein kleines Hakenkreuz umkrallten, schließlich drei postkartengroße Ausweise mit einem aufgestempelten großen gelben J und am rechten Rand ein vorgezeichnetes Feld für zwei Fingerabdrücke. Auf den Passfotos waren ein Mädchen, ein Junge und ein Mann zu sehen. Alle trugen den Nachnamen Asser, alle hatten ihre Fingerabdrücke aufgestempelt.
Ihm fiel wieder ein, dass bei seiner Party die Polizisten vor dem Haus erst in der Dämmerung angerückt waren, nachdem Rocker aufgetaucht waren und die Demonstranten bedroht hatten. Es war zu Handgreiflichkeiten gekommen, und einige Plakate mit weißen Tauben und gelben Sternen lagen zertreten auf der Moorweide herum. Nalle hatte sogar bei einem zufälligen Blick aus dem Fenster gesehen, wie Phil einen der Rocker mit einem GangstaCheck begrüßt hatte, bevor er im Hauseingang verschwand. Nalle legte alles zurück und schloss den Koffer. Als er ihn wieder in die Nische schieben und das Blech darüber befestigen wollte, merkte er, dass das verbeulte Schild das Versteck nicht mehr decken würde. Er nahm den Koffer wieder heraus und steckte das Schild vorsichtig mit seinen Löchern auf die rostigen Nägel. Unschlüssig betrachtete er seinen Fund.
Die Waschmaschine summte. Nalle lud die Wäsche um und startete den Trockner. Noch einmal 40 Minuten! Er kratzte sich am Kopf, hob den blauen Sack auf und roch daran. Er stank kaum und war nicht schmutzig geworden. Also stopfte Nalle den Koffer in den blauen Sack und stieg zu seiner Wohnung hinauf.
Dort räumte er zwei Stunden lang auf und warf alles in blaue Säcke, was nicht zur Wohnung gehörte. Heimlich schaffte er die Säcke hinunter, drückte sie in die Mülltonnen vor dem Haus und nahm die Wäsche aus dem Trockner. Er trank mindestens zwei Flaschen Sprudel, dann saugte er gründlich die ganze Wohnung und legte sich noch einmal ins frischgemachte Bett. Erst am Abend fühlte Nalle sich wieder fit genug, den Koffer noch einmal zu untersuchen. Jetzt fand er im Futter noch ein schmales Heft mit Tagebucheintragungen. Es waren Kurts Aufzeichnungen über die letzten Jahre bis zu seiner Verhaftung, seiner befohlenen Verschleppung, seinem spurlosen Verschwinden.


Nalle öffnet mühsam die Augen. Es hat keinen Sinn, länger liegen zu bleiben. Wenn Rebecca wiederkommt, muss er sie zu dem Koffer befragen. Seine Mutter ist zwar im Staatsarchiv als Spezialistin für mittelalterliche Urkunden zuständig, aber zu diesen Dokumenten im Koffer muss sie auch was wissen! Auf Rosensteins Messingschild in der Eingangshalle steht doch ‚Herzberg, Fink und Rosenstein Musikverlag‘. Was hatte also Kurt damit zu tun, und wieso erwähnt Kurt Nalles Familie Levy in seinem Tagebuch? Er hebt die Kladde vom Fußboden neben seinem Bett auf und blättert weiter. Die Schrift ist schwer zu lesen, aber einige Wörter erkennt er sofort: Altona, Salomon, Bornplatz-Synagoge, Gestapo. Er konzentriert sich auf die einzelnen Buchstaben. Je länger er liest, desto flüssiger wird der Text – er ist trotzdem schwer verdaulich.
Nalle seufzt, gähnt anhaltend und legt das Heft vorsichtig auf den kleinen Tisch neben seinem Bett.

Er pellt sich aus der frisch duftenden Bettdecke, steht auf und reckt sich. Nalle blickt auf den Park vor dem Haus, durch das zarte Grün der großen Bäume schimmert die Glaskuppel des Dammtorbahnhofes in der Sonne. Langsam geht er nackt durch den Flur zum Bad. Vor dem Flurspiegel bleibt er stehen und betrachtet seinen Körper. Bist du mit deinem Aussehen rundum zufrieden? Er weiß gar nicht, was Kurt hat: Nalle hat vielleicht ein etwas kindliches, aber kein entstelltes Gesicht. Gut, ein paar weniger Sommersprossen wären schön, und die vielen blonden Locken wären auch nicht nötig gewesen. Der helle Flaum an seinen Armen und Beinen leuchtet golden im Gegenlicht. Er spannt den Bizeps an und ist zufrieden. Okay, Kofis Bizeps sind eindrucksvoller, wenn er beim Breakdance seine Moves, vor allem den Headspin, macht – dafür hat er fast keine Körperbehaarung. Und Houchang hat kaum Muskeln, ist aber sehr sehnig und hat fast überall Haare. Schon seit der 7. Klasse wächst ihm ein Bart, den er alle paar Tage rasieren muss.

Immerhin hat Nalle ein ganz ordentliches Sixpack, und seinen Beinen sieht man den vielen Sport, den er macht, auch an: Als Fahrradkurier ist er schon länger beschäftigt, aber Crossrunning ist ihm und seinen Freunden Kofi und Houchang zur Leidenschaft geworden: Sie tüfteln an immer neuen Kombinationen aus Freerunning mit akrobatischen Einlagen, Geocaching und städtischem Crosslauf herum.
Heute Mittag wollen sie sich treffen, um den neuen Parcours für die kommende Woche festzulegen – Houchang hat sehr geheimnisvoll getan, als er einen ganz abgefahrenen Wettlauf in Aussicht stellte: „Hamburg City Cross Competition, down and up“ – wo bitte soll das denn sein?
Nalle streift seine Vorhaut zurück. So sah Kurt sicher aus, und so sehen Houchang und seine Brüder aus, wenn sie nach dem Schwimmen zusammen mit Nalle duschen – Kofis bestes Stück aber nicht. Als er an Judiths seidige Haut denkt, versteift sich sein Penis. Langsam schlendert Nalle zum Bad und steigt unter die Dusche. Er fingert noch ein wenig an sich herum, dann entspannt er sich, seift sich von Kopf bis Fuß ein und bleibt lange unter dem warmen Strahl stehen. Gut, dass Rebecca nicht da ist und sich über die Wasserverschwendung aufregen kann! Letzten Sonntag, als Nalle nach dem Duschen eine neue Frisur ausprobierte, hat sie an die Badezimmertür geklopft und entnervt gefragt: „Duscht du immer noch oder wohnst du jetzt im Bad? Das Frühstück ist fertig!“

Nalle trocknet sich ab und streicht prüfend über das Kinn. Er betrachtet die wenigen hellen Haare an der Kinnspitze: „Einzelschicksale, aber keine Spur von Bart!“ hatte Phil geätzt, der auch noch nicht viel mehr zu bieten hat…
Zu gern würde Nalle endlich einen Grund haben, sich zu rasieren – aber da ist wirklich noch nichts. Er beneidet den kleinen Houchang mit seinem kräftigen Bartwuchs. Es tröstet ihn, dass auch an Kofis breitem Kinn noch gar nichts sprießt und es nicht so aussieht, als wollte da überhaupt jemals ein Bart wachsen.

Nalle nimmt sich vor, mit Kofi und Houchang über den Koffer zu reden, wenn sie den Parcours geklärt haben. Er checkt seine Nachrichten auf dem Smartphone – kein Auftrag vom Kurierdienst VeloSpin – und ruft die Wettervorhersage auf: „Sonnig, maximal 20 Grad, leichter Wind aus West.“
Jetzt will er erst einmal zur Kurierzentrale und ein wenig Smalltalk machen, um seine Auftragslage zu verbessern.
Nalle zieht sich an, dann schiebt er sich ein Erdnussbutterbrot rein und trinkt eine Tasse Kaffee mit einem Löffel Kakao. Während er seine Zähne putzt, betrachtet er prüfend seine Frisur im Spiegelbild. Heute kein Haargel, weil er mit Helm fahren will. Nalle steckt die Schlüssel ein, nimmt den Helm vom Haken und öffnet die Wohnungstür.
Fast gleichzeitig öffnet sich auf der gegenüberliegenden Seite die Eingangstür der Anwaltskanzlei, und Dr. Eckmann-Scholz tritt wie aus dem Ei gepellt ins Treppenhaus. „Hi!“ – „Hallo, Lönne!“ Der Anwalt zögert einen Augenblick, dann setzt er hinzu: „Sag mal, machst du nur Fahrten für VeloSpin, oder kann man dich auch mal privat beauftragen?“
„Ne, ich kann auch so mal fahren: Pro Kilometer 90 Cent, bei mehr als 10 Kilometer 1 Euro, pro Anfahrt oder Zwischenstopp 2,20 Euro!“ – „Na ja, immerhin eine klare Preispolitik“, zwinkert der Anwalt freundlich.
Nalle grüßt nochmals, flitzt die Kellerspindel hinunter und geht den engen Gang bis zur Gartentür. Dort lehnt sein Sportrad neben dem Longboard an der Wand. Er öffnet die Tür, trägt das Rad hinaus, schließt die Tür wieder ab und fährt ums Haus herum zur Straße. Die Gartennutzung hat sich der alte Rosenstein selbst vorbehalten, obwohl er eine riesige Dachterrasse hat und nie im Garten sitzt. Im Sommer kommt wöchentlich ein Gärtner, um den Rasen zu mähen, sonst passiert nichts hier hinter dem Haus. Nalle linst durch die Scheiben in das Frisörgeschäft am Haupteingang, aber dort ist am Sonntag niemand zu sehen. Er tritt kräftig in die Pedale und ist kurz darauf am Dammtorbahnhof.

„Hi, Steve!“ begrüßt ihn Dirk, als er in das winzige Ladenbüro der Firma VeloSpin tritt. Dirk blättert in einem abgegriffenen Radsportmagazin. Nalle nennt sich auch hier Steve. Er erkennt, dass im Moment kein Kurier gebraucht wird. Sicherheitshalber erklärt er Dirk, dass er heute nichts Besonderes vorhat und gern bereit ist, sollte sich kurzfristig eine Tour ergeben. Dann geht Steve die wenigen Schritte hinüber zur Pizzeria ‚Don Giovanni‘. Auch hier ist noch nichts los. Houchang hat ihn schon gesehen und unterbricht sein Tischdecken. „Hi, Steve, Kofi ist auch schon im Anrollen.“ Beide sehen durch die großen Fenster hinaus, wo ihr Freund gerade vom Rad steigt. Als Kofi eingetreten ist, nimmt Houchang seine Kellnerschürze ab und ruft in die Küche: „Wir hauen jetzt ab!“
Kurz sieht eine schlanke Frau mit schwarzen Haaren durch den Türspalt und winkt ihnen zu: „Viel Spaß und macht kein dummes Zeug!“ – „Sicher nicht!“ lacht Houchang und winkt seiner Mutter zurück.
Die drei radeln durch die Wallanlagen zur Elbe hinunter. „Nun mach’s nicht so spannend!“ sagt Kofi, „Was ist das denn für ein Parcours?“ – „Von Stintfang nach Steinwerder.“ – Steve stutzt, fischt im Fahren sein Smartphone aus der Schenkeltasche und knetet mit dem Daumen das Navi-Programm durch. „Sag mal, das sind satte 11,7 Kilometer Straße, ist das nicht etwas weit für einen Lauf?“ Houchang antwortet nicht, und die beiden Freunde folgen ihm kopfschüttelnd. Als sie die Terrasse der Jugendherberge am Stintfang erreicht haben, schieben sie ihre Räder zusammen und schließen sie und die Helme mit Steves formidablem Stahlschloss, das sich wie ein Zollstock auseinanderklappen lässt, zusammen. Die drei Freunde blicken hinunter zu den Landungsbrücken und über die vielen Barkassen auf den trüben breiten Fluss.
„Also noch mal langsam: du willst von hier aus auf die Elbinsel Steinwerder laufen?“ – „Ja aber auf dem kürzesten Weg – und ohne Hilfsmittel! Vergiss dein Navi, Luftlinie ist das kein Kilometer.“
Kofi nickt: „Also kein Schiff, kein U-Boot, kein Flugzeug, verstehe…“
Steve folgt Houchangs Blick über die Elbe und lacht: „Down and up – du willst durch den Alten Elbtunnel!“ – „Jepp, und zwar ohne Fahrstuhl: 24 Meter runter, 450 Meter Röhre und 24 Meter rauf, von Eingang zu Eingang ziemlich genau 500 Meter…“
„Alter Verwalter, wenn du auf der engen Treppe auf die Fresse fliegst, machst du aber einen langen Abgang!“ Kofi kratzt sich bedenklich das kurze Kraushaar. Auch Steve graut etwas vor der Vorstellung, als sie gemeinsam hinunter in den Eingang des Kuppelbaus gehen und auf die Tunnelsohle blicken. „Du kannst ja auch einfach von oben ins Fangnetz springen, dann bist du noch schneller!“ grinst Houchang.

Die Jungen laufen probeweise einige der geschwungenen Treppen in unterschiedlichem Tempo und Stufensprüngen hinunter. „Drei Stufen gehen am besten“, beschließt Kofi für sich. Sie flitzen gemeinsam durch die enge Röhre vorbei an den vielen hellgrün glasierten Wandreliefs von Amphibien, Fischen und Seetieren bis zum Treppenhaus an der Südseite. Hier testen sie beim Aufstieg die Stufenabstände und entscheiden sich für Doppelstufen. Dann rasen sie wieder zurück zur Nordseite und sind völlig aus der Puste, als sie wieder bei ihren Rädern ankommen. „Na, da hast du dir ja echt mal was einfallen lassen“ keucht Kofi. In seinem fast schwarzen Gesicht blitzen die Zähne und die Augen sind nur noch Schlitze. „Wie bist du darauf gekommen?“ – „Habe Pizza an die Wachleute liefern müssen, da habe ich die vielen Treppen gesehen und gewusst: das ist es!“
Jetzt kratzt Steve seine blonden Locken und fragt: „Wann wollen wir es machen und wie viele Teilnehmer sollen wir zulassen?“ – „Also bitte keinen Flash-Mob! Zu viele gehen nicht, weil dann das Gedränge zu groß wird und die Tunnelaufsicht Theater machen wird. Ich habe am Freitagnachmittag vor Pfingsten frei im ‚Don Giovanni‘.“ – „Dann ist es vielleicht noch nicht so voll im Elbtunnel wie an den Pfingsttagen. Also Start am Freitag in einer Woche, 15 Uhr am Nordeingang. Außerdem brauchen wir doch nur drei Minuten für die Competition; bis die Schnarchnasen mit ihren Überwachungsmonitoren das schnallen, sind wir längst in Steinwerder wieder raus…“

Sie fahren denselben Weg zurück, den sie gekommen sind. Vor ‚Don Giovanni‘ zögert Steve ein wenig. „Was is’, Alter?“ fragt Houchang. Er merkt immer zuerst, wenn einer der Freunde Kummer hat. Houchang lädt sie zu einem Stück Handpizza ein.
Sein ältester Bruder Mirhat arbeitet in der Küche. Die kurdische Familie lebte im Iran, der Vater hatte sich gegen die Errichtung eines schiitischen Gottesstaates gewandt und der politischen Opposition angeschlossen. Er und seine Freunde wollten einen politischen Rechtsstaat mit zeitgemäßem Islam in einem Persien erreichen, in dem über Auslegungen des Korans ernsthaft diskutiert werden dürfte. Der Iran wurde zunehmend wegen seiner militanten Politik und der ‚Fatwa‘ gegen Salman Rushdi international isoliert und wirtschaftlich boykottiert. Der Boykott betraf aber nicht nur den Ölund Waffenhandel, sondern erstreckte sich auch auf medizinische Produkte wie Impfstoffe oder Medikamente. So musste die Familie Asfaram der Ertaubung ihres ersten Kindes hilflos zusehen: Nach einer Mumpsinfektion im Kleinkindalter verlor Mirhat fast vollständig sein Gehör und hat nie so recht sprechen gelernt – weder persisch noch kurdisch noch deutsch.
Das war das letzte Tröpfchen, das das Fass zum Überlaufen brachte und weshalb die Familie sich unter Lebensgefahr zur Flucht entschloss.
Den Asfarams war erst nach Jahren in Deutschland die Einbürgerung gelungen – nun nannte man sie gestelzt ‚Mitbürger mit Migrationshintergrund‘, was Phil spöttisch zu ‚Mimimis‘ verkürzte.
Als die Asfarams feststellen mussten, dass es in Deutschland kein Interesse an persischen oder kurdischen Spezialitäten gab und Deutsche Ausländer je nach Aussehen für Türken, Italiener, Polen, Chinesen oder Afrikaner hielten, eröffneten die Eltern Asfaram einfach einen kleinen italienischen Pizzabäcker-Kiosk vor dem Dammtorbahnhof. Die Familie erweiterte ihre Sprachkenntnisse um einige Brocken Italienisch und Englisch.
Nach Renovierung des Bahnhofs stand die heruntergekommene ‚Altdeutsche Bauernstube‘ vor dem Ruin. Familie Asfaram übernahm die verlotterte Kneipe im Erdgeschoss des Bahnhofs und baute sie zu einer modernen, blitzblanken Pizzeria mit Außer-Haus-Lieferservice aus. Die beiden jüngeren Söhne, Hafiz und Houchang, erblickten erst sieben und neun Jahre nach Mirhat in Deutschland das Licht der Welt. Sie gingen in den deutschen Kindergarten und lernten drei Muttersprachen: Kurdisch, Persisch und Deutsch. Auch Mirhat hat sich in der neuen Heimat gut eingelebt. Er hat nicht nur die Gebärdensprache gelernt, sondern kann selbst Deutsch sehr gut von den Lippen ablesen.

Mirhat ist nach der Gehörlosenschule in einer kleinen Autowerkstatt untergekommen und arbeitet dort schon lange als „Schrauber“. Er hat keine feste Freundin, aber einen Oldtimer, den er liebevoll restauriert hat. Für seine große Liebe hat er sich sogar durch die Führerscheinprüfung gequält. Nun darf er – unter mehreren Auflagen wie zusätzliche Spiegel am Wagen – sogar mit seinem „Caddy“ fahren. Allerdings ist es Mirhat immer sehr unheimlich mit dem guten Stück im Stadtverkehr. Der Cadillac Fleetwood war inzwischen so ansehnlich geworden, dass er für besondere Anlässe wie Hochzeitsfahrten gebucht wurde oder auch als Requisite in Filmen und sogar schon bei den „Orientalischen Nächten“, den „Romantischen Nächten“ und verschiedenen anderen Themen-Nächten im Städtischen Tierpark eingesetzt wurde.
Außerdem arbeitet Mirhat gelegentlich als Haustechniker, Gärtner und Hilfe fürs Grobe in der Residenz, einem kleinen aber sehr gediegenen Hotel, in dem vor allem prominente Künstler gern absteigen, wenn sie etwas Ruhe suchen oder inkognito die Hansestadt besuchen wollen. Wenn auf seinem Handy eine SMS aus der Residenz blinkt, ist er innerhalb weniger Minuten zur Stelle. Mirhat registriert bei seinen Einsätzen genau, ob Nazamin gerade Dienst hat.
Einmal hatte Mirhat dort dem unglaublich nervösen Tourenmanager für die Herbert-Grönemeyer-Konzerte des NDR, Harald Schultheiß, eine Nachttischlampe in der Suite ausgewechselt. Als Schultheiß sich bei ihm bedanken wollte, stellte er fest, dass Mirhat taub ist. Der Manager stutzte etwas, dann griff er freundlich lächelnd in seine Westentasche und zog mit einigen Münzen einen Stick mit dem Mitschnitt eines Grönemeyer-Konzerts hervor. Er schrieb auf einen Hotel-Briefbogen „Mach mal lauter!“ und reichte alles dem verdutzten Handwerker.

Als am Abend die letzten Gäste ‚Don Giovanni‘ verlassen hatten und die Familie das Restaurant aufräumte, schob Mirhat den Stick in die Musikanlage und drehte sie bis zum Anschlag auf. Seiner Mutter fiel vor Schreck ein Stapel Teller aus der Hand. Ihr Ältester horchte angestrengt, und ganz langsam kamen die Vibrationen der Bässe bei ihm an.

Die Familie starrte Mirhat entgeistert an, als er begann, sich im Rhythmus zu bewegen. Houchang war der erste, der sich zwei große Topfdeckel griff und sie im Takt zusammenschlug. Mirhat strahlte ihn an. Er griff sich eine Ketchup-Flasche wie ein Mikrofon und imitierte Grönemeyers Tanzschritte. Er röhrte in sein Mikro und dirigierte seinen kleinen Bruder mit der anderen Hand. Da nahmen sich auch der mittlere Bruder Hafiz und die Eltern alle möglichen Töpfe und Löffel und was sich sonst zum Krachmachen eignete, und die Musiker marschierten hinter Mirhat in einer Polonäse durch das Lokal. Es wurde ein unvergesslicher Abend, als Mirhat die Musik entdeckte!

Mirhat kommt gut mit seiner Behinderung klar. Im Lärm der voll besetzten Pizzeria ist es manchmal sogar von Vorteil, wenn die Familie über Gebärdensprache miteinander kommuniziert – und Mirhat findet das sowieso am besten. Manchmal macht er sich den Spaß und bringt den Gästen, die sich gegenseitig ausgetauscht haben, welche Gerichte sie bestellen wollen, schon einmal das Gewünschte, bevor sie bestellen können. Das Erstaunen ist immer sehr groß, und viele glauben, dass er Gedanken lesen könne.

Mirhats jüngere Brüder lieben ihn und versuchen, seine Behinderung so gut es geht auszugleichen. Die drei Brüder sind unzertrennlich. Mirhat kommt aus der Küche und umarmt Houchangs Freunde. Auch er ist ganz der Meinung, dass jetzt erst einmal was gegessen werden muss. Sie setzen sich zu viert an den kleinen Tisch neben dem Eingang, auf dem immer der Ständer ‚Stammtisch‘ steht, aber Familientisch meint. „Is’ was wegen der Party nicht okay, was kaputt gegangen?“ – „Doch, nein, alles gut. Aber ich muss euch mal was zeigen bei mir zuhause.“
Houchang erklärt Mirhat, dass sie noch einmal in die Moorweide 18 fahren wollen, und Mirhat verabschiedet sich von ihnen mit kräftigem High Five.
Steve bringt schnell sein Fahrrad in den Keller, dann öffnet er den Freunden die Haustür. Als sie in der Wohnung sind, holt er den Koffer aus seinem Zimmer und legt ihn auf den Wohnzimmertisch. Houchang und Kofi staunen nicht schlecht: „Woher hast du denn die Altkleidersammlung?“ fragt Kofi, und Houchang nimmt ungefragt die zweireihige Jacke aus dem Koffer. Er probiert sie an und knöpft sie zu. Die Jacke ist nur ein wenig eng. Auf seiner Brust prangt ein gelber Stern. Steve erklärt in einigen Worten, wie er den Koffer gefunden hat und was er bisher in der Kladde gelesen hat. Kurts schmales Heft liegt noch auf seinem Nachttisch, und da will Steve es auch liegen lassen.
„Ey, Alter, der Kurt und ihr seid verwandt?“ fragt Kofi und deutet erst auf Steve und den siebenarmigen Leuchter hinter ihm, der schon auf der Anrichte im Wohnzimmer stand, als Steves Oma hier noch wohnte. Und dann, mit Blick auf Houchangs Stern lacht er: „Das ist jetzt mal echt ’ne Nummer: Deutschland wird bunt – ein blonder Jude, ein als Jude verkleideter Muslim und ein schwarzer Christ…“ – „Hallo? Wie kommst du darauf, dass ich Jude bin?“ – „Ey, was soll das heißen, dass ich mich als Jude verkleide?“ Kofi kriegt sich gar nicht mehr ein über seine beiden entrüsteten Freunde und stichelt kichernd weiter: „Ich sag mal: drei Wege zu einem Gott, das wird ja wohl reichen!“
Houchang legt wütend die Jacke in den Koffer zurück und Steve schließt den Deckel mit Nachdruck. „Kannst du jetzt mal was Sinnvolles beitragen, Kofi?“
„Okay, war ja nur sehr witzig, eure dummen Gesichter zu sehen!“ Kofi prustet von Neuem los, bis die beiden anderen ihn gleichzeitig in die Rippen puffen. Er kann sich kaum noch auf den Beinen halten vor Lachen und imitiert mit rollendem „Rrr“ japsend einen bekannten Fernsehpfarrer: „Meine Damen und Herren, in unserer Reihe ‚Glaubenskriege‘ erleben Sie heute das ‚Goldene Zeitalter‘ – die Christen werden verkloppt!“
Als bei dem Gebalge fast die Menora von der Anrichte fällt, beruhigen sich alle wieder und Kofi wird sachlich. „Also gut: Wo hast du das Zeug gefunden?“ Steve erklärt es noch einmal genauer, ohne auf die Kotzwäsche näher einzugehen, und die drei machen eine Lokalbesichtigung im Keller. „Coole Location, Steve, vielleicht machen wir die nächste Party lieber hier unten …“
Houchang inspiziert die Nische hinter dem Bechstein-Schild eingehend und tastet sie aus. „Guckt mal, was hier noch liegt!“ Triumphierend hält er eine zugestaubte Metallplatte in die Höhe. Steve und Kofi kommen näher, Houchang wischt die Platte mit seinem Ärmel ab. Die Oberfläche lässt einen Text ahnen. „Erst einmal Spiegelschrift“ – „und dann noch ein saublöder Schrifttyp.“ – „Nicht verzagen, Houchang fragen: Hast du Senf oder Ketchup oben?“
Klar hat Steve das. Als sie in der Wohnung ankommen, hat Kofi eine Idee: „Halt mal, gib mal her!“ Er hält die Blechplatte vor die Brust und tritt vor den großen Spiegel im Flur. Neugierig drängen sich Houchang und Steve an Kofis Spiegelbild. Steve muss einen Moment lang an den Morgen denken, als er hier allein stand und wird kurz rot. Aber die anderen bemerken es nicht. So sehr sie sich auch bemühen, erkennen sie nur einzelne Buchstaben in dem langen Wort, das die Überschrift bildet. Steve wäscht die Platte im Spülbecken ab und schrubbt mit einem Topfschwamm die gröbsten Krusten von der angelaufenen Oberfläche. Die Textgravur wird jetzt besser sichtbar, bleibt aber unleserlich. Houchang verreibt etwas Senf, dann Ketchup auf dem Blech. Steve holt ein Blatt Papier aus Rebeccas Drucker und legt es auf die präparierte Platte. Der Abdruck lässt schon weitere Buchstaben erahnen, aber ist noch zu verschmiert, um Worte zu entziffern. Schließlich wäscht Steve die Platte noch einmal im Spülbecken, lässt das Schmutzwasser ablaufen und trocknet die Druckvorlage sorgfältig ab. Er öffnet eine Dose Tomatenmark und reibt es mit einem Eierlöffelstiel in die Vertiefungen der Oberfläche. Steve zieht die Klinge eines langen Fleischermessers flach über die Platte. Die leere Dose wirft er in den Mülleimer und das Messer mit dem überschüssigen Mark legt er in die Spüle. Mit einem feuchten Küchenpapier wischt er die letzten roten Spuren von der jetzt matt schimmernden Druckvorlage, auf der endlich die Spiegelschrift gut erkennbar ist. Dann legt er ein neues Blatt Kopierpapier auf die Buchstaben und drückt es sanft mit dem Handballen an. Als er das Blatt vorsichtig abhebt, strahlt er: „Bingo! Hiermit endet unser Crash-Kurs ‚Wie drucke ich mein Zeugnis selbst!‘“
„Hey, das war aber meine Idee!“ mault Houchang. Steve kann es nicht lassen und ärgert seinen Freund: „Gute Idee, aber es kommt auf das Knowhow bei der Technik an!“
„Als wenn du schon mal gedruckt hättest! Nun leg das Papier schon auf den Tisch.“ Steve legt das feuchte Blatt vorsichtig auf ein Geschirrtuch, das er auf dem Küchentisch ausgebreitet hat, und die Jungen beugen sich darüber wie über eine Schatzkarte. Sie entziffern die Überschrift:

„Zeig noch mal die runden Stempel aus dem Koffer!“ Steve holt einen der Gummistempel, und Houchang färbt ihn mit einem Klecks Tomatenmark aus der Spüle. Er leckt seine Fingerkuppen ab und ruft mit der gespielten Begeisterung eines Werbeclips: „Nie gab es ein besseres Mark als dieses – dazu noch so farbecht!“
Houchang drückt die Fingerkuppen auf den rechten Rand des Blattes, dann stempelt er das Siegel in den vorgepunkteten Kreis am unteren Rand des Formulars. Die drei studieren ihr Werk, das Siegel passt genau. Sie rätseln, was das für ein seltsames Dokument ist. Dann spricht Kofi bedächtig aus, was alle denken: „Steve, eins ist klar – dein Kurt ist ein Fälscher.“

Steve säubert die Druckvorlage und schlägt sie in das Geschirrtuch ein. Er legt die Vorlage und die Stempel in den Koffer, verschließt ihn und schiebt ihn mit dem Abdruck unter sein Bett. „Jungs, ich muss jetzt meine Mutter abholen, die kommt um 17:05 Uhr am Dammtor an.“
Die drei gehen schweigend durch den Park zum Bahnhof, dort verabschieden sie sich. Houchang verschwindet in der Pizzeria, Kofi schwingt sich auf sein Rad und Steve steigt die Treppen zum Bahnsteig hinauf.
Nachdenklich lehnt er sich an den Wagenstandsanzeiger. Auf Dienstreisen fährt Rebecca immer Erster Klasse, weil sie oft Urkunden oder andere wertvolle Antiquitäten aus ihrem Archiv transportieren muss. Privat sind die Levys noch nie in der Ersten Klasse gefahren. Die Lautsprecherdurchsage verkündet, dass der Zug 10 Minuten Verspätung haben wird. Steve ärgert sich etwas und fährt mit der Hand ungeduldig über den Hals. Dort fühlt er schon wieder einen neuen Pickel. Steve betastet ihn vorsichtig und beschließt, ihn nachher auszudrücken.
Eine bleigraue Taube segelt in trägem Gleitflug von einem schmutzigen Stahlträger herab und landet ohne Angst zwischen den eiligen Füßen der Reisenden. Sie legt den Kopf schräg und hackt unentschlossen einen zertretenen Zigarettenstummel zur Seite. Jetzt entdeckt sie einen matschigen Pommes-Streifen und pickt ihn auf. Nachdem sie sich versichert hat, dass sie keine Krümel liegengelassen hat, dreht sie ihren plumpen, matt schimmernden Körper nach rechts und stakst mit ihren zierlichen Beinen zielstrebig über die gesprenkelten Marmorfliesen des Bahnsteigs. Die Krallen des linken Beines sind verkrüppelt, weshalb sie leicht humpelt. Ihr ruckender Kopf treibt den rundlichen Körper ungeduldig voran. Als sie einem auf sie zusteuernden Kofferkuli ausweicht, gleiten ihre Zehen auf dem glatten Boden aus, und der fette Vogel macht einen unfreiwilligen Spagat. Die Taube entgeht den Rädern knapp, marschiert weiter und muss erneut den entschlossenen Schritten eines Geschäftsmannes ausweichen. Wieder glitscht sie auf dem Marmor aus, wieder rappelt sie sich hoch und vermeidet die Kollision.

Ein kleines Mädchen, das die ganze Zeit am Mantel seiner Mutter gezerrt und anhaltend gequengelt hat, erblickt das Tier in seiner Nähe. Das Kind hält inne, löst sich vom Mantel und stürzt auf die Taube zu. Unwillig flattert sie auf und lässt sich wenige Meter weiter entfernt nieder. Das Mädchen springt mit glänzenden Augen auf den Vogel zu. Das Tier erhebt sich nochmals und fliegt jetzt dicht am Gesicht eines Mannes vorbei, der gerade in eine Currywurst beißt. Erschrocken dreht er sich weg und verliert einige Pommes von seinem Papptablett. Die Taube umrundet ihn, landet hinter seinem Rücken und rutscht eilig auf die heruntergefallenen Kartoffelstreifen zu. Bevor das Mädchen sie wieder erreicht hat, fliegt die Taube endgültig auf und setzt sich mit ihrer Beute auf eine Bogenlampe. Endlich rauscht der Intercity in den Bahnhof. Die aggressiv gespitzte Schnauze mit ihren hellen Scheinwerfern kommt Steve gefährlich nahe, dann verlangsamt der Zug immer mehr, bis der Waggon der Ersten Klasse direkt neben Steve zum Stillstand kommt.
„Hallo, Nalle! Das ist wirklich lieb von dir, mich abzuholen!“ Rebecca fliegt auf ihren Sohn zu und umarmt ihn fest. Der Pickel am Hals schmerzt bei der Umarmung, Nalle nimmt seiner Mutter den kleinen Rollkoffer ab, und die beiden gehen untergehakt die Treppen hinunter. Rebecca berichtet ausführlich von den Feierlichkeiten in Danzig, und Nalle hört ihr zu, ohne sie zu unterbrechen. Er will ihr erst vom Koffer erzählen, wenn sie in Ruhe Abendbrot essen. Zuhause angekommen nimmt er Rebecca höflich den Mantel ab, hängt ihn an die Garderobe und verzieht sich ins Bad, um endlich den verdammten Pickel auszuquetschen. Mit einer spitzen Pinzette und einer Nähnadel rückt er ihm zuleibe. Rebecca geht in die Küche, um sich ein Glas Wasser einzuschenken. Da entdeckt sie im Spülbecken das scharfe Fleischermesser in einer blutroten Lache und schreit entsetzt auf: „Nalle, hast du dich verletzt?“ – „Aua, jetzt ja!“